Denkräume

Oder: Was bedeutet „imago mundi“?

Nachdem ich mich als Philosophin auch mit Religionsphilosophie beschäftigt habe, bin ich auf einen Gedanken des Philosophen Mircea Eliade gestossen, den ich – in Zusammenhang mit meiner Arbeit als Psychotherapeutin – hier gerne aufgreifen möchte:

Er beschreibt mit dem Bild des imago mundi (lat. das Bild der Welt) das Bedürfnis des Menschen nach Orientierung. Früher wurde für den Bau einer neuen Siedlung oder Stadt zuallererst ein Pflock in die Erde geschlagen, der Ausgangspunkt und Zentrum des neu zu entstehenden Raumes zugleich war. In spirituellem Verständnis war dieser Punkt auch Kontaktmöglichkeit zu den Göttern und höheren Mächten.

imagomunndi

Heute hingegen leben wir in einer Welt, in der diese sakralen Räume vernachlässigt und zurückgedrängt werden, wodurch Orientierung in dieser Form nur mehr in geringer Weise angeboten werden kann.

In den letzten Jahren habe ich immer stärker die Erfahrung gemacht, dass immer mehr Menschen in die Psychotherapie kommen, um ebendiese Orientierung, Stabilität und Sicherheit zu finden. Während wir im Wandel der Gesellschaft den Verlust vertrauter Bindungsmuster in den Familien erfahren und erleben, wie Globalisierung und technischer Fortschritt unseren Alltag beschleunigen und uns ein hohes Maß an Lernbereitschaft abfordern, so erhöht sich gleichzeitig das Bedürfnis der Menschen nach Konstanz, Verlässlichkeit und Reduktion von Komplexität.

Schon der Neurobiologe Gerald Hüther hat einmal festgestellt, dass Menschen dreierlei Dinge brauchen, um z.B. ein Leben ohne Drogen führen zu können: der Glaube an die eigenen Fähigkeiten, das Vertrauen in zwischenmenschliche Bindungen und der Glaube an einen höheren Sinn.

So war es für mich naheliegend, den Begriff des imago mundi stellvertretend für meine Arbeit zu wählen, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass Psychotherapie ebendiesen Raum schaffen kann:

Ein Raum, in dem Menschen erfahren können, wie es sich anfühlt, wo dazuzugehören und sich eingebettet zu fühlen.

Ein Raum, in dem es möglich ist, Dinge an- und auszusprechen.

Ein Raum, der Gelegenheit gibt, (sich) zu zeigen, zu leben und zu spüren, ohne bewertet oder verurteilt zu werden.

Ein Raum der Andersheit … ein Raum für Sie.

„Wer einen Raum ordnet,
der wiederholt
das exemplarische Werk der Götter.“
Mircea Eliade